
Wie der Drache ins Drachenhaus einzog
Ich werde schon mal gefragt, ob ich der Drache im Drachenhaus sei. Nein, ich bin die gute Seele des Drachenhauses. Und dafür da, dass Sie sich bei uns vom ersten Moment an wohlfühlen und den Alltag ein Stück hinter sich lassen können.
Die Geschichte unseres Drachen begann mit einem weißen Fleck über der Garage – und einer Idee, die mich nicht mehr losließ.
Hier sollte ein lesender Drache sein. So meine Vision.
Ein Drache, weil wir im Nibelungenland leben und das Drachenhaus am Rande des Rimbacher Nibelungengebiets steht.
Lesen sollte er, weil Drachen auch weise Gelehrte sind und ich selbst eng mit der Literatur verbunden bin. Die Nibelungensage hat mich schon in sehr jungen Jahren in ihren Bann gezogen.
Mein inneres Auge sah einen friedlichen Drachen im besten Alter – so um die 500 Jahre alt –, der dort oben sitzen und lesen sollte.
Lange trug ich diese Idee mit mir herum. Nur: Wer konnte meinen Ansprüchen genügen? Wer konnte das umsetzen, was ich vor meinem inneren Auge längst sah?
Der Mann, der auf diesen Anruf gewartet hatte
Ich wusste von einem Künstler bei uns in der Gegend, der bereits einige Gemälde auf Hauswände gemalt hatte. Seine Werke, die ich kannte, waren wunderbar detailliert und handwerklich vollkommen.
Ich wollte nur ihn.
Er sollte meinem Drachen Leben einhauchen.
Noch während der Bauphase nahm ich Kontakt zu ihm auf. Ich rief ihn an und fragte, ob er mir einen Drachen auf meine Hauswand malen könne. Einen lesenden Drachen.
Seine Antwort machte mich still und nachdenklich.
„Mein ganzes Leben warte ich schon auf diesen Anruf und nun …“
Er pausierte einen Augenblick, bevor er weitersprach.
„Ich bin krank und weiß nicht, wann ich wieder malen kann.“
Wieder hielt er inne. Offensichtlich suchte er nach Worten.
„Wissen Sie, schon immer wollte ich einen Drachen auf eine Fassade malen. Nie bekam ich diese Chance, obwohl wir hier im Land der Nibelungen leben. Viele Dinge habe ich schon auf Häuser gemalt: Wildschweine, Florian, den Schutzpatron der Feuerwehr, einen Schmied. Doch nie meinen Traum, seit ich male. Und nun, nun rufen Sie mich an. Meine Finger können kaum den Pinsel halten, ich habe Schmerzen und weiß nicht, ob es jemals wieder besser werden wird.“
Seine Stimme war voller Traurigkeit und Verzweiflung.
Meine Gedanken waren wirr, meine Stirn legte sich in Sorgenfalten und ich fragte mich: Wie kann das sein? Welches Schicksal hatte uns zusammengeführt – und was hatte es mit uns vor?
Nun bin ich kein Mensch, der einfach ein Telefonat beendet, nur weil es nicht das gewünschte Ergebnis gebracht hat. Ich bin eher jemand, der versucht, das Gute und Nützliche im Schlechten zu finden. Und ich glaube daran, dass der gerade Weg, den man geht, nicht immer der Weg sein muss, der zum Ziel führt.
Vielleicht sind es gerade die vielen kleinen Abzweigungen und die Hindernisse darauf, die uns am Ende dorthin bringen, wo wir hinwollen.
Weil ich so bin, wie ich bin, und es auch menschlich zwischen uns passte, sprachen wir lange miteinander. An Essen kochen oder Gartenarbeit dachte ich längst nicht mehr. Ich war vollkommen in dieses Telefonat vertieft.
Je länger unser Gespräch dauerte, desto klarer wurde mir:
Ich wollte nur ihn für meinen Drachen.
Er sollte unserem Drachen das Leben schenken.
Egal, wie lange seine Genesung dauern würde – ich würde warten.
Man kennt das ja, wie Künstler so sind …
Einige Tage später trafen wir uns.
Neugierig fragte ich mich vorher, was mich wohl für ein Mensch erwarten würde. Man kennt das ja, wie Künstler so sind – ich bin ja auch so ein Künstler.
Ich nehme es vorweg: Er war weder abgedreht noch überdreht, auch nicht selbstverliebt, ignorant oder ein Egoist.
Ich erlebte Harald Kling als einen bescheidenen, freundlichen, fast schon demütigen Menschen. Er war etwas Besonderes, und aus unserer Begegnung entstand mit der Zeit eine Freundschaft.
Nach vielen, vielen Gesprächen – ich ließ ja nicht locker, weil ich wollte, dass er meinen Drachen malen sollte – sagte ich ihm, dass es keine Eile habe. Er solle erst einmal wieder auf die Beine kommen und in Ruhe gesund werden.
„Es wird der Tag kommen, an dem du den ersten Pinselstrich machst.
Den ersten zu deinem Traum und meinem Drachen“, sagte ich ihm zum Abschied.
Zwei Jahre später
Und so war es dann auch.
Zwei Jahre später rief Harald an, um sich mit uns zu verabreden.
Als wir uns trafen, strahlte er. Sein Lächeln verriet mir, dass er wirklich der Richtige war.
Er würde dem Drachen nicht nur das Leben einpinseln. Er würde ihm einen Zauber verleihen. Einen Zauber, dem sich kaum jemand entziehen kann, der das Bild betrachtet.
Ich war mir sicher, dass es richtig gewesen war, auf ihn zu warten.
Ich entschied mich, Harald weitgehend freie Hand zu lassen und ihm nur wenige Vorgaben zu machen. Es sollte sein Entwurf werden.
Er sollte mit Liebe, Leidenschaft, Hingabe und mit seiner Seele malen. Er sollte meinem Drachen das Leben schenken und dabei gleichzeitig seinen eigenen Traum verwirklichen dürfen.
In unseren Gesprächen erzählte ich ihm die Geschichte des Drachen, den er malen sollte. Wer er war, was er liebte und erlebt hatte, was er dachte und fühlte.
So entstand in kleinen Schritten das Gemälde, das heute über der Garage rechts neben dem Eingang des Drachenhauses seinen Platz hat.
Und dann kam Nero ins Bild
Während der Entwurfsphase bat ich Harald, auch meinen Kater Nero in das Bild aufzunehmen. Anhand eines Fotos fügte er ihn in seinen Entwurf ein.
Während Harald an der Fassade arbeitete, fragte ich ihn immer wieder, wann er denn endlich die Katze malen würde.
„Ganz zum Schluss“, antwortete er.
„Warum zum Schluss?“
Ich fragte ihn das mehrfach, und jedes Mal bekam ich dieselbe Antwort:
„Ich kann es dir nicht sagen, Marion. Es ist so ein Gefühl, das ich habe. Ich muss ihn zum Schluss malen.“
Als Harald schließlich den ersten Pinselstrich setzte, um Nero zu malen, begann es meinem Kater schlecht zu gehen.
Er baute zusehends ab, wollte nicht mehr fressen, sein Fell wurde struppiger. Eines Morgens konnte er sich kaum noch auf den Beinen halten. Sein Kopf war in Schieflage und er fiel immer wieder um. Scheinbar hatte er einen Schlaganfall erlitten.
Nero wurde langsam zum Pflegefall.
Ich versorgte und betreute ihn so gut ich konnte. Er schlief nun neben meinem Bett, damit ich sofort merkte, wenn es ihm nicht gut ging.
Das Gehen von dieser Welt fiel ihm nicht leicht, und er ließ sich Zeit.
Zeit, die wir nutzten, um uns voneinander zu verabschieden.
Er schenkte uns diese Zeit, seine Liebe und sein Vertrauen. Drei Monate pflegte ich ihn, bis er schließlich in den Armen meiner Tochter friedlich einschlief.
Er wirkte glücklich, entspannt und fast lächelnd, als er seinen letzten Atemzug machte.
Nero wurde 20 Jahre alt. Für eine Katze mit Asthma ein beeindruckendes Alter. Er hatte ein wunderbares Leben bei mir – und ich hatte in ihm einen treuen Begleiter.
Viele schöne und auch emotionale Erinnerungen sind mir von ihm geblieben.
An meiner Hochzeit im Juli 2011 legte er mir als „Hochzeitsgeschenk“ einen Hasen auf meinen Weg und begleitete mich bis zum Altar.
Er stahl mir die Schau.
Ich erinnere mich aber auch an einen Tag, an dem er mit einem schwer verletzten Kiefer nach Hause kam. Offensichtlich hatte jemand versucht, ihm den Schädel zu zertrümmern. Trotz seiner großen Schmerzen ließ er sich von mir behandeln. Das Vertrauen, das er mir in diesem Moment schenkte, war ein großes Geschenk für mich.
Noch heute laufen mir ein, zwei Tränen über die Wangen, wenn ich an ihn und an die lange Zeit denke, die wir miteinander leben durften.
Heute hat Nero nicht nur einen Platz in meinem Herzen.
Er hat auch einen Platz auf dem Drachenhaus.
Dort, auf dem Gemälde über der Garage, wird er von unserem Drachen beschützt.
Ein Drache, der Geschichten bewahrt
Mit der Zeit und durch all die wundervollen Gespräche während der Entstehung des Gemäldes wurden Harald und ich Freunde.
Er schenkte mir diesen Drachen, seine Freundschaft – und damit auch das Lächeln in den Gesichtern der Menschen, die vor unserem Haus stehen und sein Werk betrachten.
Nun ziert ein farbenprächtiges Gemälde unser Drachenhaus und verzaubert bis heute immer wieder vorbeikommende Spaziergänger und Gäste.
Sollten Sie einmal in der Nähe des Drachenhauses sein, schauen Sie ruhig ein wenig länger nach oben.
Vielleicht entdecken Sie Nero.
Vielleicht bleiben Sie am Drachen hängen.
Und vielleicht verstehen Sie dann ein kleines bisschen besser, warum dieses Haus Drachenhaus heißt.
Aus dem Gemälde wird Wirklichkeit
Im Juli 2018 kam ein weiteres Meisterwerk von Harald ins Drachenhaus.
Er hatte tatsächlich den Buchständer aus dem Gemälde nachgebaut.
Jede Maserung, jede Windung und jedes noch so kleine Detail arbeitete er ein. Aus etwas, das bis dahin nur Teil eines Gemäldes gewesen war, wurde plötzlich ein echtes Stück Drachenhaus.
Heute trägt dieser Buchständer unser Gästebuch, in dem sich viele wunderschöne Worte unserer Feriengäste finden.
Auch unser Logo stammt von Harald.
Damals hatten wir bereits das nächste gemeinsame Projekt im Kopf. Eine weitere Hauswand sollte gestaltet werden, damit man das Drachenhaus schon von Weitem erkennen konnte.
Dazu kam es nicht mehr.
Aber manchmal führt eben auch hier nicht der gerade Weg zum Ziel.
Die Idee blieb.
Also ließ ich das D aus unserem Drachenhaus-Logo mit seinem Drachenkopf großformatig auf eine weiße Kunststoffplatte drucken.
Heute hängt es beleuchtet an der Seite des Hauses – um Ihnen den Weg zu uns zu weisen.😉
©️marionkydt
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Die Geschichte unseres Drachen in Bildern ⬇⬇⬇
Wenn Sie jetzt noch ein wenig bleiben möchten:
Hier können Sie sehen, wie unser Drache entstanden ist.